Ansprache von Martina Ring
14. Juli 2009
aus Anlass der Installation in der Karoecke.
Bürgerinnen und Bürger
Zur Lage der Nation und zum Stand der Dinge
Die Paraphrase einer Paraphrase
EINLEITUNG
‚Die Freiheit führt das Volk’, so der Titel des zu untersuchenden Objekts und Umstandes
Und da drängt sich auch schon der erste Zweifel auf, denn ein Volk das geführt wird, selbst wenn der Führer hier weiblich und unter dem Decknamen Freiheit erscheint so ist ein geführtes Volk niemals ein freies !!! Barbusig und barfuß wie sie ist, wirkt sie irreal sagt uns der Wikipedia Artikel dazu, das macht es nicht weniger bedrohlich, denn von einem Hirngespinst geführt zu werden stufe ich als gefährlich ein, ist doch damit zu rechnen dass es sich hierbei um eine kranke Wahnvorstellung handelt, also, dass die Freiheit eine kranke Wahnvorstellung ist.
BESCHREIBUNG
Haben wir bei Delacroix noch einen offenen Blick auf die Szenerie so finden wir uns bei Rühling in einer verdichteten Situation wieder…
Die Stadt aus dem Hintergrund (NY brennt, die Twin Towers sind schon eingestürzt!) Ist näher gerückt, bedrohlich nah, wir befinden uns im Zentrum der Beobachtung.
Die sterbenden sind durch Untertitel ersetzt die hosenlos, ich meine hüllenlos, besser: bloßgestellt an unserem Auge vorbeiziehen wie die Börsenkurse auf N24 – ein Aufmerksamkeitsduell
Ersatz
Aus stürmenden Volksmassen werden flanierende und
Aus den wütenden konsumierende
Eis essen statt ins Gras beißen
Flugblätter anstelle von Pistolen
Schöne Neue Welt!
DIE HAUPTPERSONEN
in unserer vorliegenden zeitgenössischen Form haben wir nur noch 3 Hauptpersonen statt wie im Original 5, da es sich hier aber um Vertreter verschwindender Bevölkerungsgruppen wie Handwerker und Bauern handelt, können wir diese einfach ignorieren.
Betrachten wir also unsere Hauptpersonen:
Der passive Künstler, dessen Eitelkeit ihn dazu trieb sich in diesem Werk zu verewigen, die Freiheit = Göttin, Fiktion, Hoffnung; alles nur eben keine reelle Person und der junge DER NUN OHNE GESICHT FÜR SEINE FREIHEIT EINTRETEN MUSS
DER KÜNSTLER
[Gesellschaftliche Reformen waren Delacroix gleichgültig, und Unterhaltungen mit Politikern langweilten ihn. ]
Nur der Künstler bleibt, wie schon vor 179 Jahren (interessant nicht, zum 220 Jahrestags des Sturms auf die Bastille ein 179 Jahre altes Bild…) ein passiver Beobachter der sich eine wichtige Rolle in der Gesamtkomposition zuweist – dass Delacroix aussieht wie Abraham Lincoln ist leider nur Zufall, hätte aber eine schöne Deutung gegeben so zum Thema Freiheit und Abschaffung der Sklaverei und so, aber Lincoln war erst 30 Jahre später am Zug !!! dass Rühling allerdings aussieht wie Gunter von Hagens –ich überlasse es der Freiheit ihrer Gedanken wie viel und ob sie diesem Fakt Bedeutung beimessen wollen
DER JUNGE
der sich vom Studenten zum linksautonomen gewandelt hat – man kann das an den modischen Accessoires ablesen…
Ich möchte nicht wissen was der Inhalt seiner Flugblätter ist wenn er sich beim verteilen dieser verhüllen muss. FORMAL betrachtet unterstreicht die Vermummung natürlich nur die Brisanz der Flugblätter und definiert diese als Waffen – warum ich jetzt an den Islam und das tragen von Burkas denken muss… ? darüber hinaus scheint er nicht ganz bei der Sache zu sein: er telefoniert.
Es gibt im Originalbild links unten noch einen jungen, dieser konnte hier nicht zitiert werden, da parallelen zu reell lebenden Personen nicht ausgeschlossen werden können – dies ist auf seine Bewaffnung zurückzuführen: ein Stein – der Stein als traditionelles Symbol des Widerstandes, denn da wo sich ein loser Stein befindet ist eine Mauer gefallen…
DIE FREIHEIT
Unsere Göttin, La Liberté, mit bürgerlichem Namen auch Marianne genannt, ‚Nôtre Dame’ nicht nur im Hintergrund, sondern als Hauptfigur auch vorne im Bild – immerhin die Titelgeberin
Da steht sie steif auf ihrem Sockel, die Dynamik konstruiert, ich meine versuchen sie mal mit einem nach innen gedrehten knie zu stürmen, mit Blick zu Seite auf die Barrikaden, da möchte ich unsere linken Chaoten mal sehen mit so einer Haltung und freier Brust, ja, FREIER BRUST !!! Rühlings Liberté hingegen steht auf ihrem Sockel, unbequem mit schwerem arm, ohne Waffe und hochgeschlossen – was ist das für eine Freiheit die keine Spur von Freizügigkeit aufweist! Damit allerdings befindet sie sich in guter Gesellschaft, denn schon die „Liberty Enlightening the World“ kurz Lady Liberty, und ich unterstelle dass Delacroixs Liberté dafür Pate gestanden hat – [anm.: Auch wenn weithin behauptet wird es sei der Koloss von Rodos gewesen, doch wer hat diesen je zu Gesicht bekommen? Und war dies nicht ein Mann?] Und, ach –
erscheint bereits ganz zugeknöpft, der rechte arm erhoben, doch ohne Fahne sondern eine Flamme züngelt – ob sie sich wohl als Brandstifterin unter den Biedermeiern einen Ruf erwerben will…
Immerhin hat sich die Freiheit so aus dem Bild in den öffentlichen Raum bewegt, ihn erobert, um beim Revolutionsvokabular zu bleiben…
Ist bei Rühlings Arbeit, die Freiheit Mensch geworden wie wir das schon von anderen Gottheiten in Krisensituationen kennen?
Oder schlägt uns der Künstler eine märchenhafte lesweise vor die uns sagen will dass, wenn wir unseren glauben an diese Göttin verlieren, sie sterben wird, so wie viele Götter vor ihr? Erinnern wir uns an Pan der seine Potenz mit dem Verlust seiner Popularität eingebüßt hat.
FORMALES
Allem voran möchte ich meinem Entsetzen Ausdruck verleihen, meinem entsetzen das auf die frappierende Ähnlichkeit zu einem ebenso bekannten Bild zurückzuführen ist.
Das Floß der Medusa 1819 von Théodore Géricault gemalt und zu einem riesigen Skandal avanciert, weil es die wahre Geschichte eines Menschenopfers erzählt – frisst die Revolution ihre Kinder? Hat die Freiheit ein vernichtend großes Maul?
Und Rühlings zeitgenössische Variante? Der Künstler bedient sich aus der Realität, nichts muss herbeigeschafft und aufgeschichtet werden, die Barrikaden sind schon da:
Werbeaufsteller, Coca Cola Imbisstische, Warenkörbe etc nur deren Nutzung scheinen wir heute verlernt zu haben..
Kein Kampfschrei kommt über die Lippen der schlendernden Volksmassen, dank mp3 würde es wohl auch niemand hören. Die toten sind zu Zitaten geworden, diese zu Worthülsen
Durch die Versockelung der 3 Hauptfiguren wird der Kampf um die Freiheit zur Erinnerung, sie verkommen zu einem Symbol deren Bedeutung nicht mehr verständlich lesbar ist, nicht einmal mehr die Verwunderung über eine entblößte Brust lässt uns der Künstler – oder sollen wir dies Bild als Aufforderung verstehen: Frauen gebt euren brüsten ihre Freiheit und ihr werdet sogleich die Freiheit für euer Volk erlangen (diese art der Formulierung macht Freiheit schon von Beginn an unmöglich, da es heißt ‚euer Volk’ das ist besitzanzeigend, im besten Fall kann also die Frau der das Volk gehört frei sein, vielleicht auch nur ihre Brust….
Auch der Ort des Geschehens an den uns Rühlings führt lässt wenig Hoffnung aufkeimen, auch wenn er auf Nacht und Rauch verzichtet. Die Kirche jedoch musste dem MARKT weichen, es gibt einen Eingang aber offensichtlich keinen Ausweg und wenn wir genau hinsehen befinden wir uns kurz vor ‚hinterm Stern’ was durch und Überblick völlig ausschließt.
Doch damit nicht genug, denn auch die Farben der Fahne haben sich verändert, reduziert auf das rot -> assoziativ verknüpft mit der russischen Revolution, dem Kommunismus = Freiheit = eine neue Diktatur die eine alte Form der Diktatur ablöst.
“das Einzige, was ich an der Freiheit liebe, ist der Kampf um sie.“
Henrik Ibsen, Brief an Georg Brandes, 1870
ZUM SCHLUSS
Möchte ich noch darauf hinweisen dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Freiheit von lieben und schützen kommt, also war Freiheit einmal etwas das man verteidigt, nicht wofür man kämpft; später als begriff der Rechtsordnung im Sinne von vollberechtigt benutzt, bezeichnet es heute den zustand des ‚nicht gebunden seins’
Also eine Wandlung vom eingebunden sein in eine Gesellschaft zum unabhängig sein von einer Gesellschaft, das ist Evolution im besten sinne !!!
Es lebe der 14. Juli
Bewundert das blau – Erfreut euch am weiß – Beklatscht das rot…
Zu den Waffen, Bürger!
Schließt die Reihen,
Vorwärts, marschieren wir!
Das unreine Blut
Tränke unserer Äcker Furchen!
Refrain der marseillaise
zu Klas Rühlings Videoinstallation ‘La Libertè guidant le peuple’
Martina Ring 2009